Suche nach der verlorenen Architektur

Ich wurde 1953 in Berlin (damals West) geboren. Seit 2003 bin ich mit der Dichterin und vorderasiatischen Archäologin Su Kyung Huh aus Südkorea verheiratet.
Im Winter 1973/74 begann ich mit meinem Studium an der FU-Berlin. Der Studiumsbeginn gestaltete sich zunächst chaotisch: Ich immatrikulierte mich zunächst in Tibetologie, Kunstgeschichte und Romanistik, dann, noch im ersten Semester, erfolgte der Wechsel zur Romanistik, Geografie und Ur- und Frühgeschichte. Letzteres Fach verließ ich gegen Ende des 1. Semesters und wechselte zur Ägyptologie. Nach zwei weiteren Semestern ödete mich diese Kombination auch an und schlussendlich ging ich zur Vorderasiatischen Altertumskunde (Hauptfach) und Altorientalischen Philologie/Ägyptologie (Nebenfächer). Im siebenten Fachsemester VA begann die Ägyptologie mich etwas zu nerven und ich wechselte dann endgültig in mein heimliches Lieblingsnebenfach – Indische Kunstgeschichte. Dabei blieb es bis zur Promotion 1983 bei Hans J. Nissen in Berlin.
Ich war dann zunächst Lehrbeauftragter, hatte ein Forschungsstipendium des Deutschen Archäologischen Instituts und wurde dann schließlich wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Nissen an der FU-Berlin, wo ich dann 1991 kumulativ habilitiert wurde. 1993 folgte ich einem Ruf an die Westfälische Wilhelms-Universität in Münster.
Als Student nahm ich an prähistorischen Ausgrabungen teil, die mich aber nicht wirklich interessierten und so sagte ich spontan zu als Harald Hauptmann (seinerzeit noch FU-Berlin, dann Uni-Heidelberg) dann 1978 zusammen mit Ümit Serdaroğlu aus Izmir einen Survey im Bereich um Adıyaman in der Südost-Türkei plante. Daraus entstand eine langjährige Zusammenarbeit mit Hauptmann als Schnittleider in seiner Ausgrabung in Lidar-Höyük am Euphrat. Die Türkei sollte von da an immer in meiner Seele verortet sein.
1985 reisten Friedhelm Pedde (ebenfalls von der FU) und ich mit Mitteln meines DAI-Stipendiums für 1.5 Monate nach Pakistan, wo wir eine Tour d`Horizon unternahmen und vor allem Beluchistan bereisten, immer auf den Spuren des großen alten Sir Aurel Stein, „the man who oppened the road“, wie einst mein italienischer Kollege Maurizio Tosi schrieb.
Obwohl schon Ende 1984 beantragt, erhielten wir erst im Jahr 1986 dann endlich die Genehmigung für Ausgrabungen in Kar-Tukulti-Ninurta (KTN), einer Residenzstadt des mittelassyrischen Herrschers Tukulti-Ninurta I. (Ende 13. Jh. V. Chr.), gegenüber der eigentlichen assyrischen Hauptstadt Assur, am Tigris im Nord-Irak gelegen. Dieses Unternehmen stand von Anfang an unter unglücklichen Umständen. 1986 war das Carnet für unser Fahrzeug ungültig und der irakische Zoll bewirkte unsere Abfahrt 14 Zage nach unserer Ankunft. Gleichwohl gelang es uns in dieser kurzen Zeit das Bild der Ruine grundlegend zu verändern. KTN war nicht nur in mittelassyrischer Zeit kurz besiedelt, wie bisher vermutet, sondern die Siedlungsspuren wiesen bis zum Ende der neuassyrischen Zeit, wenn nicht kurz danach, also vom späten 13. bis zum 7. Jh. V. Chr. Im Jahr 1987 wurden aus politischen Gründen überhaupt keine Visa erteilt, denn es herrschte ja noch Krieg mit Iran und das Osttigrisland war aus irakischer Sicht ein gefährliches, nur schwer zu kontrollierendes Gebiet. 1988 erhielten wir Visa, konnten aber nicht auf die Uferseite von Kar-Tukulti-Ninurta aus „militärischen Gründen“ und weil eine Brücke vom Frühjahrshochwasser des Tigris weggespült worden war. Wir blieben also in Assur und gruben dort. Die Kampagne war fürchterlich, nicht zuletzt, weil es in diesem Jahr im Irak an allem fehlte. Erst im kommenden Jahr 1989 ging es bergauf, wir gruben in Assur weiter und dann endlich auch in KTN, mit guten Ergebnissen. Die Ruine konnte auf gut 250 ha mittels Oberflächenuntersuchungen erfasst werden, war aber wahrscheinlich fast doppelt so groß. In diesem Jahr wurde auch bei unseren Besuchen im Hinterland von KTN klar, warum man uns in den Vorjahren den Zugang verwehrt hatte. Die irakische Armee hatte hier die kurdischen Dörfer, die ihnen gegenüber nicht „loyal“ waren, schlicht „platt gemacht“… Mit dem Angriff der Iraker auf Kuwait und der berechtigten Reaktion des Westens endete dann alles und unsere Bemühungen dort wieder Fuß zu fassen, wurden dann durch Bush-Junior endgültig zunichtegemacht.
Im Jahr 1999 erhielten wir die Genehmigung uns an Rettungsgrabungen im Gebiet des Kargemiş-Staudamms zu beteiligen (Südost-Türkei, direkt an der türkisch-syrischen Grenze am Euphrat). Wir hatten eine Lizenz für eine Ruine, namens Tiladir Tepe, einer gut 13 ha großen Ruine, die sehr vielversprechend erschien, nicht zuletzt, da hier noch Reste eines größeren öffentlichen Gebäudes anstanden. Fortuna glänzte auch diesmal durch Abwesenheit, denn da die Ruine innerhalb der militärischen Schutzzone an der türkisch-syrischen Grenze lag, konnten wir sie noch nicht einmal betreten und mussten uns, wie schon 1988 im Irak, eine Ersatzruine suchen. Zur Auswahl stand bei diesem internationalen Rettungsprojekt quasi nur noch Ṣavi Höyük, ein Ort, an dem es lediglich die Abfolge zu klären galt. In der Nähe befand sich noch eine weitere kleine Siedlungsstelle, genannt Ṣavi Höyük II, die wir komplett ergruben. 2001 waren in diesen Ruinen die Abfolgen erfasst und ein weiteres Verbleiben am Ort machte wenig Sinn, zumal auch mit der Geldgeberseite eine nur kurze Förderung vereinbart war.
Zur Vorgeschichte des Unterstadtsurveys in Hattuša
Während der Grabung in Ṣavi Höyük lernten wir Familie Schachner kennen, die auf dem Weg zu ihrem damaligen Grabungsprojekt am Tigris (Giricano) bei uns zweimal als Gäste mit ihrer Mannschaft übernachteten. 2005 kam Andreas Schachner nach Münster und wir vereinbarten einen großräumigen Survey um Boğazköy durchzuführen, der vor allem Rohstoff- und Subsistenzfragen in Bezug auf Ḫattuša klären sollte. Im Jahr 2006 fuhr ich dann mit meiner Frau Su Kyung nach Boğazköy und wir erkundeten das Umland mithilfe unseres lokalen Chauffeurs und Freundes Sedek Özal. Fortuna war uns auch diesmal nicht hold und zerschlug unsere Ambitionen für den Flächensurvey. Wir benötigten einen Plan B, wie üblich, und griffen einen weiteren Vorschlag von Andreas auf (der inzwischen die Grabungsleitung der Boğazköy-Expedition der Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Institutes übernommen hatte), doch einmal einen Survey in der Unterstadt von Ḫattuša durchzuführen, mit dem Ziel, alle bislang undokumentierten Abarbeitungen an Felsen aufzunehmen. Bekannterweise integrierten die Hethiter die Fülle von Felsen und Felsspornen, die in der Ruine allgegenwärtig anstehen, in ihre Architektur. Kurzum, wir traten im folgenden Jahr 2007 an, die „verlorene Architektur von Ḫattuša“ aufzuspüren.
Das mit Andreas vereinbarte Ziel dieser Unternehmung war es, die westliche Unterstadt zu großen Teilen zu dokumentieren. Dabei stand vor allem eine Felsformation, genannt Kesikkaya (geschnittener Felsen), im Vordergrund, von dem ein früher Ausgräber (Theodor Makridi, Grabungen hier von 1911-12) glaubte, dass es sich um ein Königsgrab handeln würde. Spätere Ausgräber sprachen den Felsen als nachhethitischen Steinbruch an.
Zu diesem Zwecke begleiteten mich meine Frau, Ulf (für die GIS-Arbeiten) und Daniel Hockmann für die zeichnerische Dokumentation. Unterstützt wurden wir dabei tatkräftig von Christina Winkelmann, Gülsüm Çakir und Murat Can. Die Finanzierung erfolgte durch die Boğazköy-Expedition, durch Privatmittel unsererseits und durch einen kleinen Beitrag des Fachbereichs 9 der WWU-Münster und der DOG (Letztere beide nur 2007). Zunächst kartierten wir munter drauf los, alles, was an der Oberfläche anstand, wurde im Maßstab 1:50 erfasst, sogar Tamariskenbestände und Maulwurfslöcher. Bei Letzteren war die Arbeitshypothese, dass diese sich ausschließlich entlang der steinernen Mauerzüge bewegen würden (was sie, wie die Grabung zeigte nicht tun), sodass alte Steinmauern erkannt werden müssten. Ähnliches galt für die Tamarisken, die als Tiefwurzler gerne Hohlräume nutzen. Der Befund an den Kasemattenmauern bestätigte unsere Annahme. Da natürlich auch lockerer Versturz kartiert wurde, waren die Pläne bald z. T. so überfüllt mit (wie wir heute wissen – überflüssigen) Informationen, dass eine Auswertung sehr schwierig war. Unterstützt wurde die Dokumentation durch Luftbilder, die mithilfe eines kleinen Ballons der Grabung und einer Digitalkamera erstellt wurden. Nach Entzerrung derselben, erlaubten diese Bilder wertvolle Ergänzungen. Eine dritte Komponente stellten die geophysikalischen Prospektionen unter Leitung des Kollegen Harald Stümpel aus Kiel dar, die zu ganz entscheidenden Einsichten führten. Die Ergebnisse waren im ersten Anlauf nicht grandios, aber ok – „learning by doing“. Im Jahr 2008 nahmen am Team wiederum Ulf, dann Nicole Grunert und David Noetzel aus Münster teil. Verstärkt wurde die Truppe durch Ingrid Dinkel, einer zeichnerisch hochbegabten Magistra aus München, die die Hauptarbeit am Oberflächenplan von Kesikkaya-Ost leistete. Murat Can unterstützte uns wieder bei den Luftbildern. Das Hauptergebniss dieser beiden Kampagnen ist, das es gelang diese prominente Felsformation Kesikkaya, dem vermeintlichen nachhetitischen Steinbruch, als hethitischen Baukomplex zu identifizieren, der aufgrund der Qualität seiner mit zahlreichen mit Bohrlöchern versehenen hier angetroffenen Werksteinen einst ein überaus repräsentativer, öffentlicher Bau gewesen sein muss. Dies ist deshalb wahrscheinlich, weil solche Bebauungsspuren sich sonst nur im Bereich des benachbarten großen Tempels der Unterstadt und auf der Königsburg Büyükkale finden. Unsere Arbeiten haben dazu geführt, dass im Bereich von Kesikkaya ab 2009 ein umfangreiches Ausgrabungsprogramm gestartet wird, das sicher hochinteressante Ergebnisse aufweisen wird.